Bräuche/Traditionen

Diese und die Seiten „Lexikon“, „Sagenschatz“ und Traditionspflege sind ein zum Teil modifizierter Auszug aus einer Seminararbeit, erstellt an der Ingenieurhochschule für Seefahrt Warnemünde/Wustrow, Fachbereich Schiffsbetriebstechnik, im Jahr 1986.
Autoren: Frank Matthei, Peter Hamann
Zeichnungen aus: Reise Quartier in Gottesnaam, Richard Wossidlo, Hinstorff-Verlag Rostock, 1981

Bedeutung von Traditionen, Sitten und Bräuchen für die Entwicklung der Seefahrt

Traditionen, Bräuche und Sitten an Hand der Entwicklung der Segelschifffahrt

Seefahrt in Vergangenheit und Gegenwart

Ein Arbeitstag von Jan Maat an Bord eines Segelschiffes

Bedeutung von Traditionen, Sitten und Bräuchen für die Entwicklung der Seefahrt

S eit B es te he n d er M en sc hh eit gi bt es au ch V er su ch e d es M en sc he n, si ch das Meer in den verschiedensten Formen nutzbar zu machen. Schon frühzeitig erkannte man die Möglichkeit des Nahrungserwerbs durch das Meer. Das veranlasste den Menschen sich durch Bau entsprechender Fahrzeuge weit und weiter auf das Wasser hinaus zu wagen.
Bald entstand auch das Bedürfnis, Handel mit anderen Ländern und Völkern zu treiben. So wurden im Laufe vieler Jahrhunderte die Schiffe immer weiter verbessert. Es entstand der selbstständige Wirtschaftszweig der Handelsschifffahrt. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Seeschifffahrt ausschließlich durch die Segelschiffe bestimmt. Das erklärt, dass fast sämtliche Traditionen, Sitten und Bräuche ihre Wurzeln in der Segelschiffzeit haben. Erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vordrängten die Dampfschiffe allmählich die Segler. Die große Abhängigkeit eines Segelschiffes von Wind und Wetter führte dazu, dass die Besatzung oft Monate oder sogar Jahre unterwegs war.
 Die Mannschaft entwickelte in dieser Abgeschiedenheit ihr eigenes Leben, das hauptsächlich von harter Arbeit, Wache und wenig Freizeit bestimmt wurde. So blieb es nicht aus, dass sich bestimmte Traditionen, Bräuche und Sitten herausbildeten, die sogar teilweise zu Axiomen wurden. Diese bestimmten z.B. was Jan Maat zu tun hatte wenn, der Wind ausblieb, wenn sich der „Fliegende Holländer“ zeigte u.s.w.

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Traditionen, Bräuche und Sitten an Hand der Entwicklung der Segelschifffahrt

Seefahrt in Vergangenheit und Gegenwart

Wie schon einleitend erwähnt, entstanden die meisten Traditionen, Bräuche und Sitten in dar Segelschifffahrt. Leider ging seit dem viel von diesem überaus reichen Wissen verloren. An Hand einiger Beispiele soll versucht werden Traditionen, Bräuche und Sitten wieder aufleben zu lassen.

Großen Einfluss auf Jan Maat, so wurde früher der einfache Matrose vor dem Mast genannt, hatte Aberglaube und die Sagenwelt. Wenn der Schiffsjunge das erstemal eine weite Reise unternahm, hatte meist vorsorgliche Mutterhand neben Gesangsbuch und dem Katechismus heimlich ein Stück von glückbringendem Kreuzdorn im Gepäck des Jungen untergebracht, und, um ihn vor Heimweh zu schätzen, einen Knust Schwarzbrot mit einer Tüte in der Kiste versteckt.
Oder: Wenn de Jung de letzt Mahltiet äfen ded vör de Utrees, würd em so väl Brot upn Töller leggt, dat he't nich all upäten künn. Denn säd Mudder, wenn he inbäten had. Laat man liggen, du maggst nich mihr, Dit Stück Brot hääg se up, bet he wedder keem. Dat wier de olle Gloow, denn de Jung wedder.

Wenn dann die Stunde des Abschieds kam, wurden nicht viel Worte gemacht. In Warnemünde sagte man nur einfach: Gahmit Gott, mien Jung, dien Wegg is de wied’st.

Allerdings sahen sich die Jungen anfangs meistens enttäuscht, denn erst mussten sie als Aschenputtel fahren und die einfachsten Dienste verrichten.

Nach einem Jahr wurde man dann zum Decksjungen befördert. Als Decksjunge hatte man vorwiegend Reinigungsaufgaben zu erfüllen und wurde deswegen auch „Koetelfänger“ genannt. Zum Beispiel war er für das Geschirr verantwortlich. Nach dem Essen musste er abbacken. Dazu zog er sich aus, sein Gesicht wurde schwarz gemacht und dann rief er: „Ihr hochgeehrten Matrosen, bewahret Eure Füße, das kein Schmutz drankommt.

Oder: „Barg Bintjes, de Adeboor will schrubben.“ – Der Adeboor ist der Junge der alles isst was vor den Füßen liegt . – Befolgte der Schiffsjunge diese Sitte nicht, bezog er von den Matrosen Prügel.

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Wie sah nun so ein Arbeitstag von Jan Maat an Bord eines Segelschiffes aus?

Morgens um 6:00 Uhr war Wecken, geweckt wurde nach alter Sitte „in Gottes Namen“. Anschließend wurde zwei Stunden auf nüchtern Magen gearbeitet, danach 1/2 Stunde Frühstück, von 12:00-13:00 Uhr war Mittag. Der Arbeitstag wurde um 18.00 Uhr mit dem Ruf  „Daddeldu“ beendet. – Dieser Ausdruck ist aus dem englischen Sprachgebiet zu uns gekommen und heißt dort ”That will do“. Dieser Arbeitsrhythmus galt für den Tagesdienst, heute sagt man auch Tagestörn.

Die Leute, die Wache gehen mussten, hatten einen anderen Törn. So eine Wache wurde in Steuerbord- und Backbordwache eingeteilt und dauerte vier Stunden. Die Uhrzeit wurde durch eine halbstündige Sanduhr kontrolliert und durch das Glasen mit der Schiffsglocke angezeigt. Bis in das 16. Jahrhundert hinein wurde die Besatzung noch in 4 Wachen eingeteilt. Sie wurden deshalb auch „Quartier“ genannt, das Viertel eines Ganzen.

Das Glasen lief folgendermaßen ab: Mittags, wenn die Sonne am höchsten stand, wurde die Sanduhr „gestellt“, und bis zur nächsten Mittagszeit richteten sich alle an Bord nach dieser Uhr. Nach einer halben Stunde, die Uhr wird das erste Mal umgedreht, wird einmal geglast, nach einer Stunde erfolgt ein Doppelschlag, zwei Glasen, dann ein Doppel- und ein einfacher Schlag, drei Glasen. Das ging so bis zum Wachwechsel, da wurde achtmal geglast. Danach begann mit der neuen Wache alles von vorn.

Es kam vor, dass ein Wachgänger versuchte die Uhr eher zu drehen, Wenn das die restliche Mannschaft mit bekam, hatte der Matrose an Bord nichts mehr zu lachen.

In unmittelbaren Zusammenhang mit der Arbeit stand das Singen an Bord. Bestimmte gemeinschaftliche Tätigkeiten wurden leichter, wenn sie im einheitlichen Rhythmus ausgeführt wurden. Für solche Arbeiten wie Segelsetzen, Ankerhieven und Spilldrehen war das unerlässlich. Die Shanties werden in drei große Gruppen eingeteilt:

1. Spillshanties
Sie wurden hauptsächlich beim Ankerhieven, wenn mit Hilfe von Spillspaken das Ankerspill bewegt wurde, gesungen. Der bekannte Titel „Around Cape Horn“ gehört dazu.

2. Halyards
In der Zeit als die schnellen nordamerikanischen Klipper aufkamen (14-17 Knoten) entstanden auch die Halyards. Sie wurden bei Segelmanövern angestimmt

3.Short-Haul-Shanties
Sie kamen zur Anwendung, wenn ein Ende mit kurzen kräftigen Zögen steifgesetzt werden musste.

Ein typischer Shantie aus Wismar ist folgender:

De Rostocker Dierns,
Mit de Kugelrunn Titten,
Dor güng Johann Maat,
Mit’n Noors up Sitten, …

Bevor die Reise losging musste Jan Maat natürlich erst einmal anmustern. Das geschah etwa folgender Maßen: An Land gab es meist Vermittler die gegen eine entsprechende Gebühr dem jeweiligen Matrosen ein Schiff nachwiesen. Diese Vermittler wurden Heuerbaas genannt. In Zeiten großer Arbeitslosigkeit musste ein Matrose bis zu drei Monatsheuern dem Heuerbaas opfern, um ein Schiff zu erhalten. War Jan Maat dann an Bord, wurde er vom Kapitän „gemustert“ und anschließend in die Musterrolle eingetragen. Die Musterrolle gibt es etwa seit dem 17. Jahrhundert, und in etwas abgewandelter Form existiert sie noch heute. In der Musterrolle, zur damaligen Zeit auch Heuer-Contract genannt, wurden die Rechte und Pflichten eines Seemannes genau festgehalten. Dazu gehörten das Verhalten auf dem Schiff und in Ausland, Vorhalten bei Gefahr wie Schiffsbruch oder Untergang, sowie Festlegungen über Unterkunft, Verpflegung und Art und Weise der Heuerzahlung. Zum Beispiel betrug die durchschnittliche Heuer Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland etwa 40-50 Mark monatlich, während auf englischen Schiffen das Doppelte gezahlt wurde. Ein großer Teil der Heuer wurde oft schon vor Reisebeginn gewährt; da der Seemann sich Ausrüstung kaufen musste und Familie zurück ließ, die auf die Heuer angewiesen war. Das Geld bekam die Frau oder Mutter über einen sogenannten Korrespondenten, der von Kapitän bevollmächtigt war, es ratenweise auszuzahlen. Wenn nun der Matrose unterwegs abstieg, oder das Schiff schon längere Zeit überfällig war, so dass die Befürchtung bestand es wäre untergegangen, wurden durch den jeweiligen Reeder die Auszahlungen gesperrt. Das führte oft dazu, dass die betroffenen Familien in Elend gerieten.

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